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Newsletter 3-2011

Neue Diskussion um alte Medikamente

Dingermann kontert Glaeske

Mit seinem Auftritt bei der SAT1-Sendung Akte 20.11 am 6. September hat der Gesundheitsökonom und Apotheker Professor Gerd Glaeske für einige Diskussionen gesorgt. Als Experte für Arzneimittel stellte er seine Topp-Spartipps für die Hausapotheke vor. Unter anderem erklärte Glaeske, dass das Verfallsdatum eines Medikaments lediglich den Zeitpunkt darstelle, bis zu dem das Mittel optimal wirke. Bei Überlagerung müsse der Verbraucher das Präparat nicht zwingend entsorgen, nur bei äußerlichen Mängeln solle man „zurückhaltend" sein. Glaeskes Ansicht nach sind Haltbarkeitsdaten „nur Empfehlungen". Ein Verfallsdatum bedeute nicht, dass das Mittel von einem Tag auf den anderen nicht mehr wirke.

Dieser Auffassung widerspricht Professor Theo Dingermann von der Universität Frankfurt vehement: „Eine Haltbarkeitsangabe zu einem Arzneimittel ist keineswegs eine Kennzeichnung, die auf eine Verpackung aufgedruckt wurde, weil dort noch Platz war. Im Gegenteil: Diese Angabe ist Teil der Zulassung des Arzneimittels, und sie basiert auf umfangreichen experimentellen Daten." Er betont ausdrücklich, dass die Einnahme von Medikamenten nach Ablauf des Verfallsdatums sehr riskant sein könne und nicht verharmlost werden sollte, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Dingermann, der Mitglied der Chefredaktion der Pharmazeutischen Zeitung ist, sieht besonders kritisch, dass ein derart medienpräsenter Arzneimittelexperte die Wichtigkeit des Haltbarkeitsdatums relativiert. Dies werde von vielen Menschen so verstanden, dass man diese Angabe ebenso gut ignorieren könne.

 Medikamentenschrank
 Quelle: Gerd Altmann/Pixelio.de

Dass dieser Einwand nicht ganz unberechtigt ist, zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) Hamburg vom Juli 2009. Sie ergab, dass die meisten Deutschen zu sorglos mit der Haltbarkeit ihrer Medikamente umgehen. So achtet fast jeder dritte Bundesbürger überhaupt nicht auf das Verfallsdatum. Besonders unvorsichtig sind laut Studie die 18-25 Jährigen. 38 Prozent von ihnen beachten das Haltbarkeitsdatum gar nicht.

Pharmazeuten raten jedoch strengstens dazu, die Hausapotheke in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und abgelaufene Präparate zu entsorgen. Denn mit der Zeit werden die Inhaltsstoffe durch chemische Prozesse verändert. Das entsprechende Arzneimittel verliert bestenfalls seine Wirkung, im schlimmsten Fall erhält es die entgegengesetzte. Dabei reagieren die verschiedenen Formen sehr unterschiedlich. Tabletten können sich zersetzen, Gelkapseln schrumpfen, Salben ranzig werden. Beispielsweise bilden Antibiotika bei ihrer Zersetzung Abbauprodukte, die unerwünschte Wirkungen hervorrufen können. Aber auch bei nicht abgelaufenen Produkten ist Vorsicht geboten, wenn sie angebrochen sind. Bei Salben Tropfen und Säften ist die „Aufbrauchfrist" entscheidend, die sich nach Anbruchszeitpunkt der Medizin richtet und von der generellen Haltbarkeitszeit abweichen kann. Unabhängig vom Verfallsdatum ist es in jedem Fall ratsam, vor der Anwendung die Arzneimittel zu kontrollieren, ob beispielsweise Tabletten dunkle Flecken haben, Dragees nicht mehr gleichmäßig geformt oder rissig, Salben oder Cremes eingetrocknet oder verflüssigt sind, in einer ursprünglich klaren Flüssigkeit Flocken schwimmen oder sich etwas am Boden abgesetzt hat. Diese äußerliche Qualitätskontrolle ersetzt aber keinesfalls das Haltbarkeitsdatum, denn der Zerfall eines Wirkstoffs geschieht in der Regel im Innern des Präparates und ist daher mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.

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